Wer zu früh kommt …
Allmählich muss ich zu Potte kommen. Am 29. Mai halte ich meinen Vortrag zum Thema Bildgestaltung - Konventionen der Fotografie und Wege des Ausbruchs. Mir fehlt die Linie, der rote Faden. Aber warum eigentlich? Ich gestalte ja selbst (fast) jede Aufnahme, lasse selten wirklich Zufälle zu.
Wo setzen eigentlich meine Gedanken zur Bildgestaltung an?
Ich studiere Literatur. Die in gedruckter Form und ins Internet gestellte Gedanken. Irgendwie liefern im Vergleich zu meiner Vorgehensweise (fast) alle nur Fragmente. Zur Hasskappe wird der Goldene Schnitt, obwohl ich mich selbst manchmal sklavisch daran halte. Nur sehe ich nicht die vier Punkte, auf die ein Teil des Motivs fixiert wird.
Stattdessen sehe ich neun Flächenelemente, die sich im Sinne des visuellen Harmoniebedürfnis des Menschen nutzen lassen. Aber die Konvention Bildaufteilung steht ganz am Ende meiner Gedankenkette zur Bildgestaltung.
Meine nächsten Fotostrecken stelle ich unter ein Motto: "Beobachte dich selbst!". Wann setzen die ersten Gedanken zum späteren Bild ein? Wie sieht es im weiteren Verlauf aus und kommt am Ende das heraus, was ich mir vorgestellt habe?
Ich bin ein launischer Knipser!
Viele Tage vorher gehe ich in Gedanken den Tag X durch. Üüberlege, welche Aufnahmemedien ich mir für das Motiv vorstellen könnte. Irgendwie kristallisieren sich mehrere Varianten heraus. Eigentlich sollte alles klar sein. Am besagten Tag X kann es wieder anders sein: Das Wetter spielt nicht mit, ich bin müde, hyperaktiv, habe gar keine Lust auf's Knipsen oder mir schießt eine völlig andere Idee in den Kopf. Eines bleibt jedoch festzuhalten: Die Entscheidung fällt mir immer dann am leichtesten, wenn ich weiß, was mich erwartet. Verständlich!
Auf die Wahl des Auszeichnungsmediums (Film, Sofortbild oder Bildsensor) folgt die Festlegung der mitzuschleppenden Kameras und Objektive. Im Grunde genommen ist hier schon die Marschrichtung der Bildgestaltung festgelegt. Im Kopf zeichnen sich erste Konturen ab, wie die Bilder am Ende aussehen werden. Ich meine, meine Kameras gut zu kennen, wie die Marotten ... den Charakter ... einer Teilzeit-Geliebten. Es geht nicht nur um die Frage Farbe oder Schwarzweiß, Schärfe oder Unschärfe. Sowie ich in Gedanken eine Knipskiste für die Aufnahmen avisiere, vermute ich, wie sie die Szene abbilden wird.
Dann sind da natürlich noch die Gedanken zum Motiv, dem Modell und all das, was eigentlich belichtet werden soll. Wenn ich es recht überlege, beinhaltet der Vorlauf weitaus mehr Zeit und Gehirnschmalz, als das eigentliche Knipsen. Irgendwie beame ich mich beim Knipsen in eine andere Welt, weitestgehend losgelöst vom Alltag und ganz für mich allein.
Grundsätzlich setze ich nie auf nur eine einzige Karte ... Kamera. Zumindest das iPhone + Hipstamatic begleiten mich. Entweder ich teste mit dieser Kombi die eigentlichen Aufnahmen vor oder mache die eierlegende Wollmilchsau zur Hauptkamera. Leider kann ich aus meinen aktuellen Fundus nicht alle fünfzehn "verschiedene" Kameracharaktere mit mir rumschleppen, möchte mir aber dennoch einen gewissen Spielraum lassen. Selbstverständlich gestalte ich mit der Belichtungszeit und Blende das Bild, gebe der Aufnahme eine gewisse Richtung vor.
Die nächste Phase der Bildgestaltung ist für mich die Entwicklung, analog wie digital. Während ich bemüht bin, den Film möglichst zeitnah auszuarbeiten, lasse ich die digitalen Knipswerke zunächst links liegen. Das liegt nicht daran, dass mir das Analoge mehr Freude bereitet. Ich bin einfach nur ein fauler Hund: Statt mir Notizen zur analogen Belichtung zu machen, versuche ich den "gefühlten Eindruck" im Gedächtnis zu behalten und danach die Chemie anzuwenden. Mit fast fünfzig Lenzen lässt die Gedächtnisleistung allmählich nach und bestraft meine Faulheit, obwohl ich ein Notizbuch (fast) immer mit mir rumschleppe.
In der Regel nach zwei bis drei Tagen werfe ich einen Blick ins Bildarchiv, picke mir Aufnahmen heraus, die in mein Auge springen. Der klassische Fall der Eyecatcher-Analyse, kombiniert mit einer gewissen Erwartungshaltung an das eine oder andere Motiv. Hier bin ich noch zu oft an die ursprüngliche Idee gebunden, versuche zunächst nicht, das Ergebnis offen für alles zu interpretieren. Je mehr zeitlichen Abstand ich gewinne, umso freier werden die Gedanken. Bildgestaltung bedeutet also auch Zeit lassen.
Ein Beispiel!
Entsprechend der Lichtverhältnisse kam für mich bei der digitalen Interpretation des Motivs nur diese Variante in Betracht:

Foto: 2012 Ronald Puhle
Im Analogen ist meine Erwartungshaltung deutlich höher. Mein "Handicap" bestand nur darin, zum ersten Mal mit einer analogen Lochkamera zu arbeiten. Ich wollte dem Motiv die Schärfe und den globalen Kontrast nehmen, zudem mich das Digitale förmlich zwingt. Sicherlich hätte ich mein HL-Objektiv oder das Lensbaby nutzen können, aber es sprachen praktische Gründe wie das Stativ, welches mit der Lochkamera benötigt wurde, dagegen. Mir fehlt eindeutig der Assistent, der mir mein Equipment ehrfürchtig hinterher trägt ... und leider auch die Zeit!
So sah dann, einem Tag nach den Aufnahmen mein erster analoger Wurf aus:

Foto: 2012 Ronald Puhle
Zunächst zufrieden, fehlte mir am nächsten Tag der gewisse Kick. Die Zufriedenheit resultierte wohl eher darin, dass der Film aus der Lochkamera nahezu perfekt optimal belichtet wurde. Die Unzufriedenheit sehe ich darin, dass noch nicht das in der Aufnahme herausgekommen ist, was ich mir vorstelle.
Drei Tage später wage ich einen erneuten Wurf:

Foto: 2012 Ronald Puhle
Ich fühle mich einen Schritt weiter, nur setzt noch nicht ein gewisser Grad der Befriedung ein. Die Aufnahme steckt noch viel zu sehr im hier und jetzt, statt eine verlassene Kommandantur in Wünsdorf zu symbolisieren.
Bewusst lasse ich EIN Detail unretuschiert: Die Steckdose. Die fertige Aufnahme soll sie zeigen, soll der Hinweis auf die Moderne in der Szene sein. Überraschungseffekt, in Online-Communities oft als störendes Details niederdiskutiert. Punktabzug vom Bildseher, ein Zusatzpunkt vom selteneren Bildbetrachter, der sich Gedanken macht.
Eine Woche später kommt mir dann die Eingebung, wie ich zum Ziel gelangen könnte. Da das Negativ mit einer Mehrfachbelichtung eingescannt und außerdem als DNG auf meiner Festplatte liegt, habe ich den Spielraum zu dieser Interpretation:

Foto: 2012 Ronald Puhle
Ich lasse Licht sprechen und habe mich so und mit der Zeit an das erhoffte Ziel herangetastet. Der Weg dorthin war zwar nicht geradlinig und eher vom "Glück" bestimmt, aber garantiert nicht digital möglich. Digital simulierte Unschärfe und Alter müssen die Programmmacher noch üben. Gerade die Details-Umkehr in Adobe Camera Raw bringt die Vorlage zum Glühen statt "analogähnlich" aufzuweichen.
Bis hier hin war jeder Gedanken von der Bildgestaltung getragen und ich bin an einem Punkt, einem Schwachpunkt angekommen. Mir fehlt quasi der letzte Schritt, die Ausarbeitung des Bildes auf Papier. Auch hier kann ich die fertige Aufnahme gestalten.
Natürlich könnte ich dieses Bild in mein Fotolabor des Vertrauens geben. Aber es würde "nur" in einem Standardprozess auf 0815-Fotopapier ausbelichtet werden. Ich möchte der Aufnahme eine gewisse optische Haptik geben, die der Betrachter sehen und sich daran erfreuen kann. Obwohl mit dem bisherigen Ergebnis zufrieden, fühlt es sich eher wie ein Coitus interruptus an ... leider!
Vom ersten bis zum letzten Moment kreisen meine Gedanken um die Bildgestaltung. Bewusst wie intuitiv nutze ich verschiedene Gestaltungselemente. Worin liegt aber nun das Besondere, das Künstlerische?
Ich kann die optischen Gesetze nicht ausschalten, muss mich an Entwicklungszeiten halten und Dateiformate verwenden. Meine kreative "Abartigkeit" besteht einzig und allein darin, Regeln anders auszulegen und Elemente zu verwenden, die nicht vom massentauglichen Zeitgeist in Besitz genommen sind. Ist doch eigentlich ganz einfach ...
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Hier ist noch was frei
oder: Da hinten sieht es ziemlich voll aus!
Ist das jetzt Streetlife-Fotografie? Also Strassenleben-Knipserei?
Keine Ahnung, ist mir auch egal. Ich knipse das, was mir gefällt und vor die Kamera kommt!

Foto: 2012 Ronald Puhle
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Die Sache mit der Verlängerung
Irgendwann habe ich mal was vom Herrn Schwarzschild gehört. Er fand heraus, dass ein Film ein gewisses "Energieniveau" zum Belichten benötigt. Wenn wie bei der Fotografie mit der Lochblende nur wenig Licht auf das Filmmaterial trifft, verlängert sich zwangsläufig die Belichtungszeit ... oder muss die Blende geöffnet werden. Letztgenannte Option ist bei einer Lochkamera schwer möglich.
Nachdem die analoge Lochblendenfotografie für mich zum Thema wurde, musste ich zwangsläufig Film-Datenblätter wälzen. Jeder Film verhält sich anders, daraus ergeben sich unterschiedliche Verlängerungsfaktoren. Was mich beim Studium der Zahlen wundert: Einige Hersteller geben Faktoren bezogen auf Zeiten, andere auf Blenden und wieder andere auf Zeiten und Blenden an. Das muss seinen Grund haben, aber welchen?
Ich muss also meinen Denkkasten bemühen: Da, wo Blendenstufen und Zeiten im Datenblatt angegeben sind, funktioniert das übliche Umrechnen nach dem Prinzip Lichtwert nicht. Die Zeiten fallen deutlich länger als das Äquivalent nach Blendenstufen aus. Das muss einen Grund haben ...
Mal kurz scharf nachgedacht!
Mit Belichtungszeiten länger einer Sekunde bewege ich mich in einem Extrembereich. Der Film benötigt eine gewisse Menge Licht, damit die Kristalle überhaupt auf Licht reagieren. Unter den Bedingungen macht es einen Unterschied, ob ich die Blendenöffnung vergrößere oder "nur" die Belichtungszeit verlängere. Physikalisch klingt die Erklärung für mich logisch, nur fehlt mich die Bestätigung.
Ich recherchiere im Dunstkreis der Lochfotografen und finde entsprechende Hinweise. Eine ordentliche Schulbildung und ein Studium sind schon was wahnsinnig praktisches, wenn man Naturwissenschaften nicht abwählen durfte.
Mit der Erkenntnis stehe ich kurz vor der Fotosafari in Wünsdorf vor einem neuen Problem. Ich kann die Blende meiner Lochkamera nicht ändern, wie es das Datenblatt meines favorisierten Films vorgibt. Zudem ist der Anstieg des Verlängerungsfaktors gewaltig. Deshalb wähle ich einen Film, der sich etwas weniger korrekturbedürftig zeigt: Kodak T-Max 400! Es ist gut einen Vorrat am verschiedenen Marken zu halten ...


Fotos: 2012 Ronald Puhle
Später, genauer gesagt beim Scannen des Films zeigt sich, dass meine "Strategie" bei den Innenaufnahmen aufgegangen ist. Für die Aussenaufnahmen darf es ruhig etwas weniger Belichtungszeit sein ...
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Mutig mutig!
Eigentlich wollte ich mich über die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht auskotzen. Die orangefarbene Fraktion findet es toll, wenn Lieschen Müller ganz ahnungslos gratis eine Datei lädt, die eigentlich etwas Geld kostet. Und weil sie so unschuldig wie die Jungfrau Maria ist, darf sie immer mal wieder die eine oder andere Raubkopie straffrei kopieren. Das tut ja keinem weh. Na gut, vielleicht dem Erschaffer des digitalen Guts, der ganz banal ausgedrückt um seinen Lohn gebracht wird.
Habe ich schon erzählt, wie ich immer einkaufen gehe ... wenn ich dann mal einkaufen gehe?
Ich packe den rollbaren Einkaufswagen randvoll und begebe mich am Ende der Shopping-Orgie zum Info-Stand des Großraum-Verbrauchermarkts. Hier lasse ich in einer dringenden Angelegenheit den Marktleiter ausrufen. Steht der dann vor mir, bitte ich ihn mir die Waren kostenlos zur Verfügung zu stellen. Aufgrund des reichhaltigen Angebots sollten die paar fehlenden Kleinigkeiten meines Einkaufskorbes nicht weiter auffallen. Den Einkaufswagen kann er natürlich gerne behalten.
Es hilft kein Jammern, wie grausam doch die Gehaltswelt geworden ist: Der Euro mutiert seit seiner Einführung heimlich, still und leise zum Teuro. Dann ist da ja noch diese Sache mit den undefinierten Verpackungsgrößen und die unmoralische Preiserhöhung bei fingierten 20% mehr Inhalt. Der Marktleiter bleibt hart:
„Wovon soll ich meine Angestellten bezahlen, wenn jeder Kunde so unverschämte Forderungen stellt wie Sie?“
„Im Internet funktioniert die Masche. Die Leute klauen sich ihren Warenkorb zusammen oder betteln mich permanent an. Es fragt kaum einer, was ich für Kosten habe.“
Wenn sich der geldgierige Marktleiter partout nicht erweichen lässt, mir mein zusammengestelltes Sortiment kostenlos abzutreten, hole ich mein MacBook und den Scanner aus der Einkaufstasche und lege los. Ich kopiere Obst und Gemüse, das Büchsenfutter für die Ableger und mein abendliches Naschwerk für den gemütlichen Fernsehabend. Sollen die Leute in diesem Saftladen doch auf ihren Scheiß sitzenbleiben und mit Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum das Zeug in die Tonne kloppen. Für das was ich zum Leben brauche bezahle ich nicht. Das wandert doch am Ende sowieso nur ins Klo. Mein Geld gebe ich für andere, für wirklich wichtige Dinge aus.
„Tja, Lebensmittel und so sind ja was ganz anderes als Lieder, Videos, Fotos oder Bücher?“
„Wieso, fallen die einfach so vom Himmel? Es sind jede Menge Leute damit beschäftigt, Lieder zu schreiben, die Musik einzuspielen oder Filme zu drehen. Die alle brauchen kein Geld, leben allein vom Glauben, etwas Kreatives erschaffen zu haben?“
„Die sind doch alle nur Sklaven der Verwertungsgesellschaften und Medienkonzerne.“
„Und du bist kein Sklave eines Arbeitgebers? Ich bin mir schon bewusst, mit meinem Tun den großen Bruder Google förmlich Geld in den Rachen zu werfen. Wenn der Inhalt so Lala ist, falle ich im Ranking. Ist es gut für Google’s Geschäft, gehts stattdessen aufwärts.“
„Die Künstler sollen sich selbst vermarkten, dann können sie die Kohle selbst einstreichen und bequem davon leben!“
„Sorry, aber auf welchem Planeten lebst du denn? Deine Vorstellung wie ein Text, Bild oder Musik entsteht ist abartig. Harry Potter oder Bibi Blocksberg können zaubern, das sind aber auch nur Romanfiguren. Oft steckt da monatelange, vielleicht sogar jahrelange Arbeit dahinter. Dann soll sich der Künstler gefälligst noch selbstvermarkten und Aufgaben der Verlage, des Managements oder eines Agenten übernehmen?“
„Die Verlage sind doch selber Schuld. Die haben die Entwicklung im Internet total verpeilt.“
„Verlage haben unterschiedliche Aufgaben und die bestehen nicht nur darin, ein Buch drucken zu lassen. Dann gibt es noch ein paar andere fragwürdige Monopole, wenn es zum Beispiel um den Ladenverkauf von Druckwerken geht.“
Ohne Zweifel haben Musik- und Buchindustrie den digitalen Knall in der Glasfaser nicht gehört. Auf der anderen Seite gibt es noch andere hausgemachte Probleme. Wo sind denn die guten Autoren von vor zehn Jahren oder so? Sie haben es aufgegeben zu schreiben, weil sich der Aufwand nicht mehr lohnt. Ein gutrecherchiertes Fachbuch braucht mindestens ein Jahr Zeit. Da erscheint aber wieder eine neue Programmversion. Vom Leser darf der Autor nicht erwarten, dass er seinen Kopf bemüht. Wie der Jungvogel im Nest hockend, erwartet er den vorgekauten Buchstabenbrei. Angesichts der Buchpreise ist die Einstellung irgendwie verständlich. Manch Vorgespräch zu einem neuen Buchprojekt ist schlicht und ergreifend am Faktor Zeit gescheitert. Schreibzeiten von drei Monaten liegen für mich unterhalb der Schwelle, wo ich mir noch nicht einmal ansatzweise Gedanken darüber mache, das Buchprojekt überhaupt interessant zu finden.
„Genau gegen diese Monopole sind wir. Ihr Künstler sollte ja euer Geld bekommen und davon das Leben bestreiten.“
Wieso lasse ich mich auf die Diskussion mit einem Internetsüchtigen ein. Ohne vorher die Community zu befragen einen Standpunkt zu beziehen ist löblich. Doch der sollte nicht den Radius r = 0 besitzen. Es lässt sich vortrefflich über das geistig-kreative Eigentum anderer reden, wenn man nicht selbst kreativ in Wort und/oder Bild arbeitet und davon leben muss.
„Es macht keinen Sinn, nur Monopole aufzulösen, Verwerter zu entmachten und Verlage zu schließen. Die Arbeit jedes einzelnen wird gebraucht. Vielleicht auf einer anderen Ebene und mit einer menschenwürdigeren Grundeinstellung. Es macht genauso keinen Sinn, das Kopieren digitaler Daten als Fegefeuer zu verdammen und eine Armada von Anwälten auf Lieschen Müller zu hetzen. Es macht Sinn, wenn sich jede Fraktion im Streit um das Urheberrecht im Klaren ist, dass es auf allen Seiten ohne den Menschen nichts wird. Auch wenn es nur um Nullen und Einsen auf der Festplatte oder DVD geht, irgendwo hat jemand daran gesessen und die Zahlenkombi erschaffen. Genauso wie der Bauer Gemüse züchtet und der Bäcker aus Mehl Brot macht. Da kommt doch auch keiner auf den Trichter und fragt nach einer kostenlosen Kopie.“
Jetzt weiss ich wieder, warum ich nicht zum Thema Urheberrechte schreiben wollte. Fast jedes Argument, was ich bisher gelesen habe, war das absolute Beharren auf ein angestammtes oder erschlichenes Recht. Kein Konsens, stattdessen lieber bockig eine Initiative mit „abhängigen Gleichgesinnten“ begründet. Schreiben und knipsen kann ja heute jeder, im Internet veröffentlichen auch. Da braucht man nicht die Leute, die es vielleicht besser können.
Was habe ich mich gefreut, als mein letztes Buch durchweg positiv aufgenommen wurde. Was habe ich mich geärgert, als es wenige Wochen nach dem Start als PDF im Internet kursierte, die Verkaufszahlen jedoch zum finanziellen Suizid wurden. Klar, wenn ich meinem Gegenüber Glauben schenke, dann war der Verlag daran Schuld und das „Tauschen“ unter wahren Internetfreunden eine gute Werbung für mich. Vielen Dank, mein Einkaufswagen blieb (unkopiert) im Supermarkt zurück.
Ich lehne weder digitale Medien, Vertriebskanäle oder das Recht auf die Privatkopie ab. Mich ärgert es sehr wohl, wenn mich ein Hersteller zum „Freischalten“ und „Zwangsregistrierung“ nötigt. Ich wehre mich aber genauso gegen jede Form des digitalen Gratis-Wuchers, nur weil so eine Datei kein Packpapier oder TetraPak benötigt. Das soll nicht heissen, dass ich prinzipientreu keine kostenlosen Internetangebote nutze. Sehr wohl lausche ich hier und da beim Last.fm oder die SoundCloud rein. Durch beide Dienste lernte ich zum Beispiel Nine Inch Nails oder UNKLE kennen und lieben, kaufte mir später ihre Titel als CD oder Download. Die Betonung lag und liegt bei: ICH KAUFE und nicht ich klaue!
Es birgt sicherlich ein gewisses Risiko in sich, kreative Arbeit dem Nutzer über entsprechende Plattformen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Hat der jedoch eine gute Kinderstube genossen und weiß die Arbeit eines Künstlers zu schätzen, verfährt er so wie ich es tue! Doch genau hier sehe ich den Knackpunkt. Das kostet Geld und lässt sich dann nicht mehr versaufen oder die Omme mit Drogen zu knallen. Ui ... ich bediene Klischees, werde ordinär und beleidigend. Höchste Zeit, endlich mit dem leidigen Thema aufzuhören.
Ich bleibe beim Mut neue beziehungsweise andere Wege zu beschreiten. Zum Beispiel in Sachen Fotografie. Nein, ich gebe nicht meinen Knipser-Status auf und werde ein agenten- oder verwertungsgesellschaftgestützter Künstler. Das Wort Fotograf für mein Tun in den Mund oder in die Finger zu nehmen, dafür schäme ich mich. Aus Respekt vor denen, die die Lichtbildnerei wirklich erlernt haben.
Ich spreche von dem Mut eines Kameraherstellers, eine digitale Schwarzweiß-Kamera auf den Markt zu schmeissen. Hut ab, auch wenn schlappe 7.000 Euro ausserhalb meines knappen Knipser-Budget liegen ...
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Mehr Bräune ging wohl nicht?!
Ich akzeptiere für mich und andere, dass sich Zeitgenosse Mensch nicht immer über die Konsequenzen seines Handelns bewusst ist. Warum auch, er ist halt fehlbar und unbeständig was wo gibt!
Prima Deutsch! Vergleichbar mit der aktuellen Bademoden-Werbung des Textileinzelhändlers Hennes & Mauritz, kurz H&M.

Foto: 2012 Ronald Puhle
Als vor ein paar Tagen das erste Plakat mich wie ein Nadelstich im Auge schmerzte, dachte ich zuerst an die Arbeit eines ambitionierten Hobby-Photoshopper, der Farbmanagement für einen Info-Point im Baumarkt hält.
„Du musst da Adobe-RGB einstellen. Da haste den größeren Farbumfang!“
Solch ein Niveaulimbo kann zu einer farblichen Entgleisung a la H&M führen. Manchmal ist simples sRGB weniger und dennoch mehr. Aber das ist ein ganz anderes Thema.
Nach und nach tauchen weitere H&M-Bikinis, allesamt in asphaltbraune Ausstrahlung gesteckt, auf. Ich glaube nicht mehr, dass die Hautfarbe der abgelichteten Damen irgendetwas mit Zufall zu tun hat. Hier geht es um mehr, steckt bestimmt ein gewiefter Plan dahinter, dessen kongeniale Muse mich noch nicht geküsst hat.
"Herr Kampffussel, bitte sachlich bleiben. Es geht um Werbung und nicht um Kunst!"
Sachlich: Ein großes schwedisches Handelsunternehmen für Kinder-, Damen- und Herrenmode wird sicherlich eine börsennotierte Werbe-Agentur damit beauftragt haben, die Verkaufszahlen mittels einer spektakulären Plakataktion anzukurbeln. Oh Wunder, oh Wunder der Sommer steht vor der Tür. Männer sehen in Bikinis und Badeanzüge denkbar unvorteilhaft aus, also stecken wir junge Frauen in die Badebekleidung. Mit viel Ausstrahlung versteht sich und, als kämen die Holden gerade von einer Urlaubsreise zurück, knackig braun!
Da kann nicht nur so ein sklavischer Hinterhof-Fotodesigner am Schaffen gewesen sein. Ich stehe vor einem Sieben-Siegel-Rätsel der Werbeindustrie, wie schon zur „Wärben Sie hier“-Aktion der Draussenwerber. Es muss etwas ausgekocht Psychologisches sein. Vielleicht möchte man in meinem Unterbewusstsein erreichen, dass ich mich permanent mit H&M und deren Sommermode für Damen beschäftige, aber nie eine plausible Antwort auf meine Frage "Warum imitiert die Bildbearbeitung eine Maximalpigmentierung des weiblichen Europäers" finde.
Nach einem gefühlten 24 Stunden-Arbeitstag platzt mir auf der Heimreise in den Betonpalast innerlich der Kragen. An jeder großflächig beklebbaren Stelle sehe ich ein lasziv-Bademode tragendes Model, das mich an einen Nogger mit erhöhtem Kakao-Anteil im Schokomantel erinnert. Oder halt einen UV-Junkie auf Beta-Carotin. Egal wie ich versuche das Augen-Aua zu beschreiben: Das Mädel nebst naturidentischer Bräunung sieht für einen echten Durchschnittseuropäer nicht wirklich gesund aus.
Erst letztens hatte das investigative Vorabendprogramm über die "Sonnenbank-Sucht" berichtet. Wegen der potentiellen Augenkrebsgefahr beim Betrachten der lebenden Hautirritationen räume ich für diesen Beitrag freiwillig meinen Stammplatz auf der Wohnlandschaft. Ich fühle mich förmlich visuell vergewaltigt und trete die Flucht nach vorn an.
Heute wird fast alles zur Sucht erklärt, nur um mit den seltensten Abhängigkeitssyndromen in jeder beliebigen Form öffentlich aufzufallen ... eine Pseudo-Injektion mit dem Super-Serum "ADHS" für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexe!
„Ich war schonmal im Fernsehen!“
„Toll und worum ging es?“
„Tanorexie"
"Oh und wo liegt das?"
"Wie wo liegt das? Es ging um meine Sonnenbank-Sucht!“
Jetzt mal Klartext getippt: Die Sonnenbank-Sucht, wegen meiner auch Tanorexie oder so genannt, eines gelangweilten Wohlstandsmenschen braucht eine besondere und dennoch ganz einfache Therapie ... natürlich eingecremt mit Lichtschutzfaktor 66 und extraweitem Sombrero auf dem Kopf:
1. Zur Erhöhung der Denkleistung dreimal täglich eine väterliche Schelle auf den Hinterkopf!
2. Die Zeit dazwischen wird mit einer netten gemeinnützigen Beschäftigungsmaßnahme inklusive körperlicher Betätigung verbracht!
„Geht nicht, hab Rücken!“
Eigenartig: Der Weg zum Sonnentempel wird problemlos im Sprint bewältigt, den Stadtpark vom Müll befreien ist eine zu harte Arbeit und nicht das Niveau eines Sonnenbank-Süchtigen? Ach ja, es war einmal ein Faultier mit dem Namen Mensch. Wir quatschen uns ins Delirium und hängen lieber gepflegt ab.
„Das perfekte Dinner“ kocht wieder. Diesmal zwei Hähnchen, jedes mit weit geöffnetem Hinterteil auf eine Blechdose geschoben. Irgendwann wird der hochmoderne Backofen geöffnet und zwei braune Etwas schauen totgekocht aus dem Rohr.
„Die sind ja total angebrannt ...“ gibt neben mir meine Angetraute zu bedenken.
„Die sind nicht angebrannt, sondern nur naturidentisch-braun wie aus dem UV-A/UV-B Karzinom-Bräter. Eben wie die sympathischen, melanomkolorierten Modelle der aktuellen H&M-Modekampagne.“
Eins muss ich den Werbestrategen lassen. Ihnen ist es gelungen, dass ich die Plakate nicht ausblende, sondern wirklich wahrnehme! Als Beleidigung meiner sensiblen Sehnerven, was aber wiederum meine eigene Schuld ist. Ob sie geahnt haben, dass meine Wahrnehmung von Lidkrämpfen und nervösen Pupillenzuckungen begleitet wird? Eine Art allergische Überreaktion, die bei der aktuellen Plakatpräsenz bitterböse in einem Allergieschock und im plötzlichen bis unerwarteten Ableben meinerseits enden kann? Meine Gedanken kreisen mittlerweile um solch Dinge wie Körperverletzung, fahrlässige Tötung und millionenschwere Schadensersatzforderungen.
Es gab Zeiten, in denen H&M-Plakate wegen der abgebildeten Ausstrahlung begehrte Sammlerobjekte waren. Bekanntlich ändern sich die Zeiten: Wenn ich heute in einen dieser Modeläden gehe, habe ich Angst Geblitzdingst zu werden und danach nicht nur mein Gedächtnis verloren zu haben. Statt „10%-Rabatt“ oder „Mehrwertsteuer zurück“ gibt es einen netten Hautkrebs gratis mit dazu.
Vielleicht bin ich wirklich nur zu stark künstlerisch infiltriert, nicht die wahre Botschaft hinter der weiblichen Herrenschokolade zu verstehen. Ähnlich der „Vielleicht-sein“-Werbung von Malboro.
Gut, die werbende Tabakindustrie hat es nicht gerade einfach ihre Botschaft an den Raucher zu bringen. Sie muss mich mit Horrorbotschaften vom Rauchen abhalten, ist mit reichlich Steueraufschlag gesegnet und möchte mir dennoch den Qualm der weiten Welt schmackhaft machen. Das klingt nach der unmöglichen Quadratur des Kreises. In der Notsituation darf man in großen Lettern nach "Maybe" und "Be" greifen, auch wenn die Mehrzahl der Plakatbetrachter nicht weiss, worum es hier eigentlich geht. Ich habe es auch noch nicht verstanden.
In diesem Fall bevorzuge ich die einfache, Hau aufs Auge-Methode: Polen liegt ca. 60 Kilometer von Berlin entfernt, ich bin der polnischen Sprache unmächtig und verstehe demzufolge nicht, was in dem schwarzumrahmten Kästchen steht. Das Rauchen nicht besonders gesund ist, wusste ich vorher und hab es auch nie geleugnet. Das ist eine Frage der Allgemeinbildung, denke ich.
Ernsthaft überlege ich, den sonnenlichtgebeutelten Schweden meine Dienste als Kunstknipser anzubieten. Mir geht es dabei nicht um ein unanständig hohes Honorar oder gar Ruhm und Ehre. Es soll eine Werbekampagne entstehen, die anders ist. Ich hätte lediglich den Wunsch, Zeit für diese Arbeit zu haben. Die schien beim letzten Wurf zu fehlen. Schade um die Bäume, die für diese Poster sterben mussten.
Nachtrag
In der Zwischenzeit wurde mir zugetragen, dass sich H&M für die aktuelle Kampagne entschuldigt hat, sie dennoch nicht stoppen wird.
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